Studie ebnet den Weg zur Verständigung

Am 2. September 2015 wurde in der Universität Erfurt die Studie Zwischen Erfolgs- und Diktaturgeschichte. Perspektiven der Aufarbeitung des DDR-Sports in Thüringen (erschienen im Verlag Die Werkstatt) präsentiert. Die von den Historikern Dr. Jutta Braun und Michael Barsuhn herausgegebene Studie beleuchtet die Mechanismen des DDR-Sports in Thüringen sowie 25 Jahre Aufarbeitung seit 1990. Die Studie formuliert zudem konkrete Handlungsempfehlungen für einen zukünftigen öffentlichen Umgang mit dem Erbe des DDR-Sports im Bundesland Thüringen.

Im Rahmen einer Podiumsdiskussion schilderten ehemalige Spitzensportler  ihre Erfahrungen mit den Systemzwängen im DDR-Leistungssport. So berichtete die ehemalige Sprinterin und Weltrekordlerin Gesine Tettenborn über körperliche und psychische Spätfolgen durch Dopingkonsum. Der ehemalige Nationalkader im Schwimmen Dr. Sigurd Hanke gab einen Einblick in die Indoktrination von Sportlern vor Wettkämpfen und verwies auf die mangelnde Reisefreiheit in der DDR als wesentliche Motivation von DDR-Spitzensportlern. In der anschließenden Diskussion meldeten sich auch weitere Dopinggeschädigte zu Wort.Die Diskussion um die vom Landessportbund Thüringen (LSB Thüringen) mitfinanzierte Studie wurde sowohl vom organisierten Sport als auch den beteiligten Wissenschaftlern und anwesenden Opfervertretern als notwendiger Beginn einer wechselseitigen Verständigung bezeichnet. So resümierte der ehemalige Bahnradfahrer und staatlich anerkannte Dopinggeschädigte Uwe Trömer, dass der wissenschaftliche Aufarbeitungsprozess dazu geführt hat, dass über Jahre verhärtete Fronten nunmehr aufbrechen und ein Aufeinanderzugehen von Opfern des DDR-Sportsystems und dem heutigen organisierten Sport erleichtert wird.

Der Präsident des LSB Thüringen Peter Gösel kündigte an, dass die Handlungsempfehlungen der Studie durch den LSB Thüringen umfassend umgesetzt werden sollen. 2016 werden fünf Bildungsveranstaltungen vom LSB Thüringen und seinem Bildungswerk finanziert und mit bestritten. Im Rahmen von Zeitzeugenforen werden Themenkomplexe wie Doping und Sportlererziehung problematisiert und eine Brücke von der Geschichtsaufarbeitung zur Präventionsarbeit geschlagen. Als Veranstaltungsorte sind die lokalen Eliteschulen des Sports in Jena, Erfurt und Oberhof sowie weiterführende Schulen im Bundesland Thüringen vorgesehen. Bereits im Frühjahr hat der LSB Thüringen eine erste Veranstaltung durchgeführt, bei der der ehemalige Bahnradsportler Uwe Trömer über Struktur- und Systemzwänge im DDR-Leistungssport berichtete. Geplant ist zudem die Installation einer Ausstellung für die breite Öffentlichkeit.Das Zentrum deutsche Sportgeschichte (ZdS) begrüßt diese Entwicklung, die einen Wendepunkt im Umgang mit dem DDR-Erbe im Sport markiert.

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